Die Dorfchronik von Mühlingen

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Di 6. Mai 2014, 18:13

Auf dem Lande dauerte der Winter bisweilen doppelt so lang, wie er im Kalender eingetragen war. Erst mit Beginn des „Wonnemonats“ Mai konnten die Mühlinger behaupten, dass endlich der Frühling eingezogen sei. Auch ihr Landesherr, Graf von Bachental, spürte nun wieder Tatendrang - oder eher den Drang, andere etwas tun zu lassen, denn der Bachentaler war der Jüngste und Rüstigste nicht mehr.
Einen Wettbewerb unter seinen Kindern gedachte der Graf zu stiften: Welcher der drei ihm innerhalb einer bestimmten Frist die schönste Jagdhütte baute, sollte eine wundervolle Überraschung erhalten. Bedingung: Es durften nur die Ressorcen der Ortschaft genutzt werden, in deren Umgebung die Hütte letzendlich stehen sollte (sowie natürlich Goldbarren).
Das älteste Bachentaler Kind, Lisbeth, war mit einem phlegmatischen, aber liebenswürdigen Gatten verheiratet. Sie pflegte die Geschäfte der Familie durch dessen Mund zu führen. Nichts bereitete der Edelfrau größeres Vergnügen, als Pläne und Bilanzen aufzustellen. Weder Lisbeth noch ihr Angetrauter begeisterten sich sonderlich für die Jagd, denn gar zu blutrünstig schien ihnen dieses Gewerbe. Doch der Wettbewerb als solcher reizte Lisbeth sehr, so dass sie keine Zeit verlor, über das Land zu fahren und den besten Standort auszuwählen – romantische Kuschelstunden in der Kutsche mit ihrem Gatten eingeschlossen.
Des Grafen mittleres Kind, Enno-Kilian genannt „Enki“, besaß keine große Wahl. Ihm gehörte nur ein einziges Dorf, Mühlingen nahe Bamberg. Zusätzlich zum Kanalbau nun auch noch ein zweites Großprojekt auf die Beine stellen zu müssen, behagte den Mühlingern nicht unbedingt, doch auch sie hatten keine Wahl. Wollten sie sich ihren Grafen nicht zum Feind machen, mussten sie zumindest guten Willen beweisen.
Der jüngste Sohn, Amadeus, war des Bachentalers Erbe, da er im Gegensatz zu Enki ehelich zur Welt gekommen war. Er war es gewohnt, von seinem Vater knapp gehalten zu werden. Wirtschaften sollte der junge Mann lernen, um eines Tages das Bachentaler Vermögen nicht nur zu erhalten, sondern zu mehren! Amadeus gefiel der Gedanke an eine Jagdhütte und er fühlte sich durchaus in der Lage, seinem Vater eine in die Landschaft zu stellen. Dennoch fand Lisbeth ihren Bruder verstimmt vor, als sie ihn auf ihrer Rundfahrt besuchte…

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 7. Mai 2014, 01:39

„Ich werde die Umgebung mit Hibskus-Sträuchern dekorieren“, verkündete Lisbeth, als sie, ihr Mann und ihr Bruder bei edlem Gebrannten zusammen saßen. „Dann hat die Gesellschaft etwas zum Schauen, auch wenn ihr das Waidmannsglück nicht hold gewesen sein sollte.“
Amadeus von Bachental winkte ab. „Lass mal sein, Schwesterherz. Diesen Wettbewerb gewinnt doch ohnehin Enki. Wie immer.“
Schwester und Schwager setzten keinen sonderlich verständigen Gesichtsausdruck ob dieser Worte auf. Lisbeth lies sich sogar zu einem überaus bäurischen „Hä?“ hinreißen. „Wieso?“ hakte ihr Gatte bei Amadeus nach.
„Na wieso schon! Erstens hat er ein eigenes Sägewerk in seinem Mühlingen – dadurch spart Enki schon mal beim Baumaterial. Zwotens leben nur bei ihm im Forst die berühmten Monsterwildschweine, die jeder erlegen möchte. Da können wir mit unseren großäugigen Rehböcklein nicht mithalten. Zackelschafe hält er seit Neustem für die Durchreisenden zum Streicheln, einfach, weil er es sich leisten kann. Weiß der Kuckuck wovon, denn Gold lässt der Kerl nur alle Jubeljahre mal springen. Die Leute behaupten, Enki verdanke sein Glück einer gesegneten Engelsstatue, die er aus den Klauen einer Räuberbande gerettet habe (die wahre Story der Statue steht weiter vorn im Thread). Außerdem unterhält die Hanse ein Kontor in Mühlingen.“
Lisbeth verschluckte sich beinahe an ihrem Weinbrand und ihr Angetrauter setzte sein eigenes Glas sehr vorsichtig auf dem Tisch ab. „Ich hatte wohl schon zuviel“, hörte man ihn murmeln.
„Die Hande in Mühlingen?!“ rief Lisbeth aus. „In einem DORF und noch dazu im Binnenland? Du hast getrunken, Bruder!“
„Ja, diesen letzten Punkt, den verstehe ich selbst nicht“, gestand Amadeus. „Das hat mir mein Informant so zugetragen.“
„Du hast einen Informanten in Mühlingen?“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 7. Mai 2014, 23:14

„Du hast einen Informanten in Mühlingen?“
„Sicher!“ grinste Amadeus. „Ein elender Dieb ist das… neulich hat er meine schöne neue gefärbte Wolljacke mitgehen lassen. Nun trägt sie der Enki.“ Als der noch ein armer Schlucker gewesen war, hätte Amadeus von Bachental dem Halbbruder den Mantel gegönnt. Doch nun war er nur noch neidig auf Enkis Erfolg. Er, der sich jede ungeschriebene Regel des menschlichen Zusammenlebens verinnerlicht und jeden Geschäftstrick erlernt hatte, sollte hinter einem dahergelaufenen Abenteurer zurückstehen? Amadeus Meinung nach hätte die Welt nicht so funktionieren dürfen. Würde Enki ihm am Ende womöglich noch des Vaters Gunst abspenstig machen? Er war ja ein paar Järchen älter als Amadeus… wer wusste schon, auf welche Ideen der Graf bezüglich der Erbfolge verfallen mochte, wenn sein Bastard kontinuierlich bessere Ergebnisse brachte!
Glücklicherweise wies Amadeus´ Konkurrent eine Schwachstelle auf: „Unser Halbbruder kann ja so ein leichtgläubiger Narr sein!“ lachte der Adlige abfällig. „Mein Spion musste ihm nur mit seiner rührseligen Geschichte kommen, wie ihm Vater und Mutter weggestorben sind, weil sein Landesherr – also ich – kein Geld für Medizin zu verschwenden hatte. Ja, und schon hatte ihn Enki unter seinem Dach aufgenommen.“
„Du lässt deinen eigenen Bruder ausspionieren? Hast du etwa auch auf unser Land Spione geschickt?“ empörten sich Amadeus Gäste.
Der Hausherr sah seiner Schwester ernst in die Augen. „Würdest du mich noch respektieren, wäre dem nicht so?“ forschte er. Errötend wandte die Frau den Blick ab.
„Wo du Recht hast, hast du Recht, Schwager“, antwortete an ihrer Stelle ihr Gatte. Lisbeth mochte das Genie sein, was Zahlen und Summen anging, doch auf den Kopf gefallen war er deswegen nicht. „Man muss Vorsorge treffen. Aber dass du das zu beherzigen weißt und dennoch so leicht die Armbrust ins Korn werfen willst, was den Wettbewerb angeht, das will mir nicht schmecken. Wenn Enki all diese Vorteile ins Feld führen kann, so muss man sie ihm eben nehmen. Eine Sägemühle, die nicht mehr funktioniert, nützt dem Mühlinger rein gar nichts.“
„Oder besser noch: Seinen Ruf ruinieren, auf dass er keine Arbeiter mehr findet!“ fiel Lisbeth ein. „Was gefällt dir besser, Bruder? Denk einfach mal eine Nacht darüber nach!“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Do 8. Mai 2014, 23:42

Unterdessen in Mühlingen:
Seit Neuestem begleitete den Freiherrn ein Diener, den Enki seinen Sekretär nannte, obwohl der junge Mann weder des Lesens noch des Schreibens kundig war. Sein Spitzname lautete „Katze“, weil er seinem Herrn jeden Tag etwas brachte. Mal war es ein Geldbeutel, den ein Reisender „verloren“ hatte (und der von Enki stets mit der nächsten Kutsche nachgesandt wurde), dann wieder ein gebratenes Hühnerbein. Katze neigte zu Diebestouren, doch oft genug packte den Jüngling hernach ein schlechtes Gewissen, so dass er seine Taten wieder gut zu machen versuchte.
Enki und Katze inspizierten die Baustelle für die Jagdhütte. Die Mühlinger legten sich mit Feuereifer ins Zeug, was ihren Herrn verstimmte. „Für diesen Mistkerl von Graf rackern sie sich ab!“ murrte Enki.
„Nein, Herr“, widersprach Katze. „Für das Dorf! Ist doch egal, wer am Ende davon pooftiert… proferiert… wer am Ende was davon hat, meine ich. Die Hütte ist ihrer Hände Arbeit und deswegen sind die Mühlinger stolz darauf. Das ist etwas, was wir beide nicht verstehen, Herr.“
Die beiden lachten (wenngleich ein wenig beschämt) und Katze ergänzte: „Außerdem fürchten die Leute den Grafen, das treibt sie an. Euch aber fürchten sie nicht.“ Katze besann sich und ließ eine weitere Ergänzung folgen: „Jedenfalls nicht im üblichen Sinn.“
„Weil ich ihnen exzentrisch erscheine?“
Katze kannte das Wort nicht, doch der Tonfall, in dem es gesprochen wurde, verriet ihm genug. Daher nickte der Bursche zur Bestätigung.
Enki wechselte eine Worte mit dem Vorarbeiter der Baustelle, seinem alten Freund dem Zimmermann, dann wandte er sich wieder an seinen Diener: „Hast du Amadeus gesteckt, dass wir jetzt in der Hanse seien, wie ich es dir aufgetragen habe?“
Dem Spielmann war nicht entgangen, was für ein Spiel Katze trieb. Der Dieb war gut in seinem Metier, aber ihm fehlten ein paar Jahre Lebenserfahrung. Seit Enki herausgefunden hatte, dass Katze für Amadeus spionierte, nutzte er ihn seinerseits, um über die Vorgänge am Hof seines Bruders informiert zu bleiben.
„Ja, habe ich“, antwortete Katze. „Ich fürchtete schon, er würde mir den Hals umdrehen, aber er hat nur gestarrt und etwas gemurmelt und darüber vergessen, mir meine Taler zu geben.“
„Weswegen du seinen Mantel mitgenommen hast, verstehe“, meinte Enki. „Aber dafür, dass du mir letzte Woche meine Erika in Hühnerklein zerlegt hast, hättest du das Halsumdrehen verdient! Mit nem Strick um die Kehle von unserer Weißkastanie baumelnd nämlich!“
„So ein Pech – wir haben keine Seilerei in Mühlingen!“ grinste Katze.
„Nun, ich könnte dir auftragen, ein Seil zu besorgen…“
Doch Herr und Diener wussten beide, dass Enki das nie tun würde. Als Landesherr war er unberechenbar und seine Einstellung zur Ständeordnung machte ihn äußerst gefährlich für alle von ihm Abhängigen, doch war Enki nicht grausam. Auch Amadeus von Bachental war das nicht, jedenfalls nicht absichtlich. Katzes Eltern waren nicht gestorben, weil Amadeus ihnen seine Hilfe verweigert hätte. Der Landesherr hatte schlicht und einfach nicht von ihrer Krankheit gewusst, da sich sein und ihr Lebensbereich nicht berührten.
Der kleine Waisenjunge, der im Dorf von Familie zu Familie weitergereicht wurde, damit niemand die Last allein tragen musste (bzw. jeder in den Genuss der kostenlosen Arbeitskraft käme), war Amadeus erst bei einem Besuch viele Jahre später aufgefallen. Amadeus von Bachental hatte die Fähigkeit des Kindes, unentdeckt im Hintergrund zu bleiben und damit jedem Ärger aus dem Weg zu gehen, erkannt und gefördert.
Nun war „Katze“ vierzehn und ein Mann, ein Diener zweier Herren, die er beide innig liebte. Der Dieb fürchtete den Tag, an dem er zwischen Amadeus und Enki stehen würde, nicht als „Doppelagent“ wie bisher, sondern in einer Fehde. Aber das würde nicht geschehen, oder? Brüder bekämpfen sich doch nicht?!

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 14. Mai 2014, 00:23

Einen Tag später auf Amadeus „Burg“ (die eher einem kleinen Wehrturm auf seinem Haupthof glich):

Amadeus von Bachental hatte schlecht geschlafen. Grübeleien hatten ihn wach gehalten, Gedanken über das weitere Vorgehen, in die sich immer wieder Groll auf den älteren Halbbruder eingeschlichen hatte. Doch an diesem Tag musste Amadeus wachen Geistes sein, denn es galt, Gericht zu halten.
Im Kerker seiner kleinen Burg saß ein Muselmann ein. Was Amadeus veranlasste, sich am Morgen vor der Verhandlung persönlich zu dem Manne zu begeben, wusste er selbst nicht zu sagen. Es war so dumm wie sinnlos. So stand er nun ein wenig hilflos vor der Gittertür und schrie dem Gefangenen seinen Frust ins Gesicht: „Weißt du eigentlich, dass dein Benehmen hier im Land stellvertretend für das deine ganzen Volkes steht? Sehen die Leute, wie ein morgenländischer Strauchdieb gehängt wird, werden in ihren Augen alle Morgenländer zu Strauchdieben! Jeder Angriff auf einen friedlichen Fernhändler ist dann deine Schuld! Dafür ist Aufhängen noch viel zu gut!“
Der Fremde musterte Amdeus eindringlich. „Ihr seid ein merkwürdiger Mann, Freiherr“, erklärte er dann. „Dessen Gedanken ungewöhnliche Wege gehen.“
„Da müsstest du erstmal meinen großen Bruder kennenlernen“, murmelte Amadeus. Er zog sich einen Schemel heran, auf den er sich setzte. „Unter uns“, meinte er dann zu dem Gefangenen, „weil du´s ja ohnehin nicht wirst weitertragen können…“ Von vielerlei Seufzern und nur mühsam unterdrückten Flüchen unterbrochen, klagte Amadeus anschließend dem Fremden seinen Frust angesichts des Wettbewerbs und eröffnete ihm sogar das unmoralische Angebot seiner Verwandten. „Die nennt niemand merkwürdig“, schloss Amadeus. „Die gelten als schlau.“
„Nicht vor dem Herrn“, widersprach der Beduine. Er besann sich und korrigierte: „Jedenfalls nicht vor meinem, denkt ja nicht, dass ich den Euren im Mund eführen würde! Aber das beiseite, ich hätte eine Lösung für Euer Dilemma…“
Als Amadeus ihm nur einen fragenden Blick schenkte, ohne das Angebot sofort abzuschmettern, wies der Zelleninsasse auf ein an der Wand stehendes Regal. Darinnen wurden die Besitztümer der Häftlinge halbwegs geschützt vor der Feuchtigkeit des Kellers aufbewahrt.
„Schaut mal in den Sack, der mir abgenommen wurde, als man mich festnahm!“ forderte der Beduine Amadeus auf. „Falls er noch da ist.“
„Meine Gefolgsleute sind keine Tagediebe!“ fauchte der Adlige. „Die würden sich nicht wagen, etwas zu stehlen!“
Und so war es auch. Als Amadeus in das Regal schaute, befand sich dort der bewusste Sack. Er war mit braunen Bohnen gefüllt, die aromatisch dufteten. „Was soll das sein?“
„Türkentrank. Der hält Eure Arbeiter wach, wenn Ihr ihnen einen Trunk daraus braut.“
„Wie meinst du das – er hält sie wach? Sie müssen nicht schlafen? Wie soll das gehen?“
Auf diese Frage lachte der Beduine herzlich. „Ihr seid der erste, der das fragt, von Bachental! Im letzten Dorf hat man mich der Hexerei bezichtigt und in dieses Loch hier schleifen lassen. Studiert die Anklageschrift genauer und Ihr werdet sehen, dass ich kein anderes „Verbrechen“ in Eurem Land begangen habe, als meine Waren und mein Wissen feilzubieten.“
Amadeus lies sich die Zubereitung und die Wirkung des Gebräus erklären. Es klang reichlich nach Alchemie, doch hatte nicht sein eigener Ahn auf diese Weise den Grundstock für das Bachentaler Vermögen geschaffen?
„Und du sagst, mit dem Vorrat hier können die Männer durcharbeiten und die Jadghütte wird in Windeseile fertig?“ vergewisserte sich Amadeus. „Nun, das klingt verlockend, doch es geht ja nicht ums Tempo. Allein die schönste Jagdhütte gewinnt den Wettkampf.“
„Ja, da kann ich auch nicht helfen“, gestand der Beduine. „Aber dafür stehe ich gut mit dem Großhändler für die Bohnen und könnte reichlich Nachschub besorgen, wann immer Ihr es wünscht. Dann könntet Ihr jedwedes zukünftige Vorhaben in kürzerer Zeit vollenden als Mitbewerber. Ist das denn gar nichts wert?“
Amadeus besann sich. „Du meinst, ob mir das deine Freiheit wert wäre? Nein!“ Nach einer kurzen Pause fuhr der Mann fort: „Wohl aber dein Leben. Unter der Voraussetzung, dass du mit dienst.“
Der Gefangene nickte knapp.
Amadeus seufzte erneut. Billig würde ihn seine Entscheidung nicht kommen. Der Hexerei angeklagt war sein neuer Freund also? Das bedeutete, er würde tief in die Tasche greifen müssen, um den Kirchenmann zu bestechen, der zum Prozess anwesend sein würde. 100 Goldbarren oder mehr. Doch die Investition war es ihm wert, denn Amadeus erkaufte damit weit mehr als einen wirtschaftlichen Vorteil.
„Ich fürchte, Ihr würdet ablehnen“, lies sich der Beduine vernehmen, als Amadeus sich bereits zum Gehen gewandt hatte. „Das muss Euch doch eine stolze Summe kosten…“
Der Bachentaler nickte. „Meine Ehre als Adliger ist es mir wert“, meinte er. „Sollen Lisbeth und der Schwager allein in der Hölle schmoren! Sie geben ihr Gold für Saboteure und Rufmord aus, ich aber, Amadeus von Bachental, bleibe ehrlich! Und der Enki mag Vatersen Wettbewerb ruhig gewinnen. Es wird andere geben, in denen ich ihn ausstechen kann, ach was, zu denen er gar nicht erst zugelassen wird!“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 14. Mai 2014, 16:23

So hatte sich am Ende alles zum Guten gefügt. Lisbeth gewann den Wettbewerb und durften sich über ein Pärchen prachtvoller Warmblutpferde freuen. Amadeus genoss seine neuen Geschäftskontakte, auch wenn sich herausstellte, dass die versprochenen Unmengen an Kaffee sich in Wahrheit Grenzen hielten. Der Fremde war wohl doch eher ein Schmuggler als ein Fernhändler. Aber so verhielt es sich nun einmal im Geschäftsleben und niemand nahm es krumm, das Blaue vom Himmel versprochen zu bekommen, weil man ja wusste, dass man am Ende nur eine kleine Wolke erhalten würde (und es selbst natürlich ebenso hielt).
Enki aber konnte seinen Gästen an der Kutschenstation in Zukunft gleich drei verschiedene Wildgerichte vorsetzen, denn die Garküche, die Müllersfamilie mit ihrem Backhaus und die Räucherei schlugen sich förmlich darum, die Jagdbeute weiterverarbeiten zu dürfen. Außerdem hatte es sich herausgestellt, dass es sich bei dem neu angesiedelten Jäger in Wahrheit um eine Jägerin handelte. Sie befand sich in etwa im Alter des Freiherrn, der es sich nicht nehmen ließ, ihr seinen Wald höchstpersönlich zu zeigen. Und da gab es wirklich viel zu zeigen und vorzuführen…

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Do 29. Mai 2014, 16:28

Das Dorf Mühlingen verfügte über zwei Eingänge – Tore wäre eigentlich zuviel gesagt gewesen, dennoch benutzten die Einwohner diesern Begriff. Da war zum einen der hölzerne Torbogen im Norden, an dem alte Römerstraße begann, die nach Bamberg führte. Vor diesem Tor fand der Bauernmarkt statt, zu dem sich regelmäßig die Fliegenden Händelr einfanden, und nahe dieses Tores hatte sich der Freiherr seinen Sitz errichten lassen.
Im Südosten existierte ein zweiter Zugang direkt zwischen dem Haus des Dorfschulzen und der Kutschenstation. Denn hier verlief die neue, weitaus befahrenere Straße, die von den Höfen des Saloniki und all der anderen Nachbarn durch das Bachentaler Land bis nach Teichlingen führte. Genaugenommen führte sie noch weiter, aber kein Mühlinger war jemals über Teichlingen hinausgekommen. Einzig den Müller hatte dereinst seine Walz dorthin geführt und dort hatte er auch sein Weib, die Tochter eines Bäckers, gefreit.
Wie dem auch sei, an beiden Dorfeingängen standen Büttel Wacht, um Neuankömmlinge gründlich zu begutachten – an der Kutschenstation geschah das ein wenig subtiler, aber gleichzetig mussten die Wachen hier aufmerksamer sein als am Römerbogen. Üblicherweise galt es als Beförderung, am Kutschentor eingesetzt zu werden, doch an diesem Tag verfluchten die betreffenden Büttel ihr Schicksal.
Zuerst schlug der Jägerin Hund an. Mit zurückgelegten Ohren kläffte er lauthals und weil sich ein guter Schuss Wolfsblut in seinem Körper befand, ging das Bellen in ein Jaulen über. Cäser, das halbe Kalb, das am Römerbogen wachte, hatte noch nichts bemerkt. Die Gefahr drohte allein am südöstlichen Tor.
Der Jägerin gelang es, zuerst ihren Hund in die Hütte zu holen und dann den Freiherrn aus selbiger hinauszuwerfen. „Dein Dorf wird angegriffen, das kann dir doch nicht egal sein!“
„Ist es aber…“ murmelte Enki bei sich, trollte sich jedoch.
Vor dem Haus flitzte bereits „Katze“ über den Lehmpfad, gefolgt von der Dorfjugend, die sich den Verteidigern anschließen wollte. Als er seines Herrn gewahr wurde, hielt der junge Mann inne.
„Herr Enki! Wer ist es?“
„Keine Ahnung! Aber jedenfalls nicht Freidorf. Die Freidorfer hätte ich erkannt.“
„Wenn das Geschoss erst auf Ottmars Rasen liegt, ist es zu spät, zu schauen, wer es uns gesendet hat!“ schrie Katze und rannte weiter, Enki hingegen lies sich in Ottmars Vorgarten auf einer Bank nieder. Von dort aus beobachtete er das Geschehen.
Der Schulze gesellte sich seinem jüngeren Freund zu. „Was für eine Übermacht“, kommentierte er die Streitmacht, die sich auf Mühlingen zuwälzte.
„Sagt mal, das kann euch doch nicht egal sein!“ ereiferte sich Roswitha, des Schulzen Weib.
„Kannst dich ja unseren Streitern anschließen“, erwiderte Enki lachend.
Die Frau stemmte die Hände in die Hüften. „Mannsvolk!“ erwiderte sie. Dann knotete sie ihre Schürze auf, warf sie zur Seite, rückte ihre Haube zurecht und erklärte: „Wisst ihr was? Genau das werde ich tun!“
Und fort war sie, verschwunden im Gedränge um den Dorfeingang.
Enki und Ottmar hörten die wütenden Schreie der Dörfler, ihre „Achtung, Vorsicht, bewacht die Flanke“-Rufe und ab und zu sah man einen bekannten Schopf aus der Menge auftauchen, doch schon bald hatten die beiden es aufgegeben, sich ein Bild der Auseinandersetzung machen zu wollen. „Ein bißchen gespannt bin ich schon, wie die Sache ausgeht“, gestand Enki, als die beiden Männer mit ihren Bierkrügen anstießen.
„Jo, geht mir ebenso. Wollen wir mal näher rangehen?“
Enki und Ottomar erhoben sich, verließen den Vorgarten und schlossen sorgfältig das Gatter hinter sich.
„Das größte Getobe findet direkt am Dorfeingang statt“, meinte Enki. „Aaber es scheint mir, als verliefe der Angriff eher etwas weiter südlich, an der Birnbaumallee.“
„Schauen wir doch mal nach“, nickte Ottomar.
Enki sollte sich nicht geirrt haben. Kaum standen die beiden unter den Bäumen, als auch schon eine prall gefüllte Lederkugel auf sie zusauste. Geistesgegenwärtig fing Ottomar den Ball auf. Er hielt ihn Enki unter die Nase. „Nicht schlecht für einen alten Herrn und Krüppel, was? – Wie geht es nun weiter?“
Aber diese Frage hätte der Mann lieber nicht gestellt. Ein kleine Gruppe Mühlinger, angeführt von Enkis Diener Katze, stürmte ihn zu. „Ottmar hat den Ball!“ jubelte der Jüngling, und dann: „Gebt schon her!“ Katze riss die Lederkugel förmlich aus den Händen seines Dorfschulzen. Mit seiner Beute führte er seine Meute Gleichaltriger in Richtung des Römerbogens. „Den pfeffern wir den Angelbachtalern rein, bevor die sich´s versehen!“ rief er lachend.
Am Kutschentor aber erklärte just in diesem Moment ein Büttel den Angreifern, dass sie verloren hatten. Ihr Geschoss sei zwar nach Mühlingen hineingelangt, aber eben nicht wie vorgeschrieben durch das offizielle Tor, und zudem sei es gefangen worden, bevor es auf dem Boden aufkommen konnte. Der „Krieg“ war vorbei, nun musste gefeiert werden.
„Ich sollte Treibball verbieten“, bemerkte Enki, „aber das würde mit Sicherheit einen Bauernaufstand auslösen… wie lange werden wir Ruhe haben?“
„Wenn ich das richtig verstanden habe, wandert der Ball bis nach Klein-Muhstein hinter Teichlingen. Dann beginnt das Rückspiel.“
Enki sagte darauf nichts, nur sein Blick sprach Bände.
„Wart´s ab, in fünfhundert Jahren kennt niemand mehr dieses Spiel“, beschwichtigte ihn Ottmar. „Dann haben die Leute Vernunft angenommen und niemandes Laune wird mehr davon abhängen, ob eine Lederkugel durch irgendein Tor geflogen ist.“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Do 29. Mai 2014, 22:23

Liebe Enki ! Was du da machst ist einfach einsame Klasse !!!! Dankeschön !!!!! :D

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Do 29. Mai 2014, 23:59

Ich habe zu danken :) Ich verliere nämlich immer sehr leicht das Selbstvertrauen und solche Kommentare machen wir wieder Mut weiterzuschreiben.

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Erika2507
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Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Erika2507 » Fr 30. Mai 2014, 12:05

Hallo lieber Enki,

ich kann mich da nur anschließen, finde Deine Geschichten auch immer ganz toll :!: :) :!:

Mach weiter so und erfreu uns aufs Neue :)

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