Die Dorfchronik von Mühlingen

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 29. Jan 2014, 16:32

Es war früh am Morgen und nur wenige Gäste befanden sich im „Goldenen Gockel“. Zum einen der Spielmann, der in der Küche übernachtet hatte. Zum anderen Ottmar, der gerade unter einem Tisch wach wurde und zum dritten Roswita, welche die ganze Nacht an einem der Tische gesessen und stundenweise geschlafen hatte.
Mit dem ersten Licht des Tages gesellten sich der Müllergeselle Franz und sein Weib, eine Bäckerstochter, hinzu. Sie bewohnten eine Kammer in der benachbarten Herberge und kamen jeden Morgen auf eine Schüssel Haferbrei in den Gockel. Ein großer Teil der Einnahmen der Kneipe stammte aus der Bewirtung der Herbergsgäste.
Wie die fünf gemeinsam beim Frühstück saßen, kam das Gespräch ganz selbstverständlich auf das Woher und Wohin. Enki erfuhr, dass Ottmar und Franz dem Aufruf eines Herolds gefolgt waren. Weite, bis dato unbesiedelte Landstriche, waren vor kurzem zur Besiedelung freigegeben worden und das erste Jahr über sollten noch nicht einmal Abgaben erhoben werden.
Enki entrollte einen seiner größten Schätze, eine Landkarte der Grafschaft, und lies sich die betreffenden Gebiete zeigen. „Was ist mit diesem Flecken hier?“ hakte er nach. „Der ist auch unbewohnt, behauptet ihr? Das liegt doch kaum einen Tagesritt von Bamberg entfernt!“
„Das ist sumpfiges Land“, erklärte Ottmar. „Trügerisch. Fruchtbarer Boden an der einen Hand und gleich an der anderen solcher, der dein Grab wird.“
Enki nickte verstehend. Aus seinem Heimatdorf Moorungen kannte er derartige Zustände.
„Einmal ganz davon abgesehen“, steuerte Roswita bei, „dass die Alten behaupten, dieser Ort sei verflucht. Der Boden spucke große Übel aus… solch abergläubiges Gerede eben.“
Ottmar lauschte der Händlerin mit weggetretenem Gesichtsausdruck. Mittlerweile war Enki davon überzeugt, dass Ottmar selbst die Ankündigung des jüngsten Tages aus dem Mund dieser Frau mit frenetischem Jubel begrüßen würde. Und Roswita? War es nur Zufall, dass sie erstaunlich oft in die Richtung des Bauern sprach? Na klar…
„Mich dünkt“, dachte Franz laut, „dass dieses Stück Land wohl die billigste Parzelle ist, die zu haben ist. Aber um etwas aus dem Flecken zu machen, dafür fehlt mir das nötige Gold.“
„Wozu Gold?“ Nun war es an Ottmar zu lachen. „Mehr als eine Axt und ein Messer braucht es nicht, um ein Dorf aufzubauen. Bist du dabei, Gevatter? Bewerben wir uns?“
„Ich weiß nicht… ich meine, deswegen bin ich hergekommen… aber das liebe Geld… der Traum von einer eigenen Backstube ist zu hoch für mich.“
Roswita schlug auf den Tisch. „Vom Klagen allein fällt kein Backhaus vom Himmel! Dann gräbst du eben die ersten Jahre mit Zellner den Boden um, erntest Roggen und Weizen, mahlst das Korn zu Mehl und verkaufst es. Bist doch ein Müller!“
„Ein Müller hätte ich auch daheim bleiben können.“
„Als Geselle deines Bruders des Müllermeisters“, meinte Franzs Weib. Sie streichelte ihrem Mann über dessen breite, starke Hände. „Aber in dem neuen Land wärst du dein eigener Herr. Wir wissen beide, dass du der bessere Müller bist, aber nur dein Bruder Meister werden durfte, weil er der Ältere war.“
„Daheim war kein Platz für mehrere Meister“, murmelte Franz. „Aber du hast Recht, _Hier wäre das anders.“
„Na also!“ rief Roswita erfreut. „Ziehen wir also nach ‚Neu-Mühlingen’?“
„Würdest du denn ebenfalls mit wollen?“ fragte Ottmar die Frau zaghaft.
Roswita nickte. „Ich vermag mir nicht so richtig vorzustellen, was uns in dem neuen Land erwarten wird, aber alles ist besser, als weiter für meinen jetzigen Herrn zu arbeiten.“
Da es sich nicht schickte, Roswita zu umarmen, schloss Ottmar stattdessen Enki in die Arme. „Pack dein Bündel, Spielmann! Auf geht’s!“
„Moment mal!“ Enki fuhr auf! „Was habe ich denn mit eurem Mühlingen zu tun?“
„Das“, antwortete Ottmar spitzbübisch, „wirst du sehen, wenn wir beim Grafen vorstellig werden.“
Als die fünf Menschen wenig später den „Goldenen Gockel“ verließen, zog Franz Ottmar beiseite. „Das war ein guter Plan von dir, dir den Spielmann zum Freund zu machen“, lobte er ihn. „Das ist doch derjenige…“
Ottmar nickte. „Genau der.“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Do 30. Jan 2014, 02:44

Willige Siedler musste nicht lange auf eine Audienz beim Grafen warten. Doch der Landesherr stellte hohe Ansprüche an zukünftige Dorfgründer, wollte er doch sein Land nicht in den Händen von Faulenzern oder gar von Scharlatanen zugrunde gerichtet sehen. Nach und nach trugen Franz, sein Weib, Ottmar und Roswita ihre Fachkenntnis und Erfahrung vor. Doch der Graf runzelte bei jeder Vorstellung zweifelnd die Stirn.
Wenn die vier ehrlichen Arbeiter den hohen Herrn schon nicht überzeugen konnte, was hätte er dann beizusteuern, fragte sich Enki? Zögerlich trat er vor, als die Reihe an ihn kam.
Bevor der Spielmann den Mund zum ersten Wort auftun konnte, sprang ein Höfling vor und rief aus: „Den kenne ich! Du bist doch der, den sie Enki nennen!“
„Ich…“ begann Enki. Es war sein Lieblingswort, das ihm leicht über die Lippen kam. Zu mehr reichte es nicht, denn des Grafen Gefolge überstürzte sich nun förmlich dabei, Enki dessen eigenen Abenteuer zu erzählen. Schließlich hob der Graf die Hand. „Silentium!“ gebot er.
Der Landesherr fasste Enki ins Auge und begann zu sprechen:
„Für die Ausrichtung des Wettfischens in Angelbach-Waldseeheim…“
„Erst, nachdem die Dame Toud nicht mehr Zeit dazu fand“, wollte Enki einwerfen, besann sich aber, da es unklug gewesen wäre, sich durch sein loses Mundwerk einen Grafen zum Feind zu machen.
„Für sein Lied über den Lippenrotbaum im fernen Ägypten… für den Lustgarten mit den Schaukeln und dem hölzernen Riesenrad… für die Schatzsuche unter Lebensgefahr durch Priester eines heidnischen Kultes…. Für die Hilfe bei der Ausrichtung des Gildenwettbewerbs unseres Prinzen… für die Drachenkämpferballade… für das Fangen wilder Bestien für die Menagerie des Kaisers… und sogar für das unzüchtige Lied über die versteckten Farben der Blumen, die man durch, Gott bewahre, Kreuzen, herauskitzeln kann… sowie für weitere Taten über die Grenze unseres Landes hinaus in fernen Landen… erlaube ich deinen Freunden, das Land am Ende der alten Römerstraße zu einer Siedlung entwickeln und gebe euch zudem fünf Barren Gold mit auf den Weg.“
Enki war sprachlos. Nicht in der Aufzählung des Grafen hatte mit Ackerbau oder Viehzucht zu tun. Genaugenommen wurde ihm nur bescheinigt, dass er ein versierter Wilderer war, der sich in den Vordergrund zu spielen wusste. Er, Enki, konnte reden, aber doch kein Dorf aufbauen!
Dennoch, da stand er nun, mit einem Säckel Silber in der einen Hand und einer Urkunde in der anderen.
„Schau nicht so drein wie ein Karpfen in der Nacht des Heiligen Silvester!“ lachte Ottmar. „Sing uns lieber dieses Blümchenlied, während wir wandern, das scheint gut zu sein!“

Und so kam es, dass Enki der Spielmann von Mühlingen wurde.

Ende der Rückblende und hinter Enkis "Taten" im Inland verbergen sich andere Upjers-Spiele.

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Sa 1. Feb 2014, 23:06

Mühlingen. Zurück in der Gegenwart.

Stunde um Stunde saßen Rüdiger und Enki beisammen und studierten die Schriftrollen, die die Mühlinger ausgegraben hatten. Sie waren in einem altertümlichen Deutsch verfasst, dass selbst der in der Historie überaus beschlagene Ritter Rüdiger nicht beherrschte. Satz für Satz, Wort für Wort, Silbe für Silbe musste er sich den fremden Dialekt aneignen. Es waren diese Stunden, die dem Spielmann vor Augen hielten, dass sein alter Kindheitstraum noch immer in ihm schlummerte: Ein Gelehrter zu sein! Manchen Moment fühlte er sich dann geehrt, wenn Rüdiger ihm etwas diktierte, an anderen vermochte er es nicht zu ertragen und verlies das Haus unter einem Vorwand.
Rüdiger nahm es seinem Gastgeber nicht übel. Als es für ihn und sein Gefolge an der Zeit war, weiterzureisen (denn immerhin wollten sie ja zu dem großen Turnier in Ankes Heimatdorf), hinterließ er Enki die gesamten Aufzeichnungen ihrer gemeinsamen Arbeit. „Und auf dem Rückweg werden wir gewiss wieder vorbeischauen!“ bemerkte Minchen, des Ritters Tochter, keck. Sie klimperte dabei mit den Wimpern in Richtung des Spielmanns, der gleichzeitig ein Adliger war.
„Nein, das glaube ich nicht“, widersprach Rüdiger. „Schau, Minchen, nein, Hermine, meine Große, ich sehe doch, wie du den Mann anhimmelst. Mir selbst ist er so lieb wie ein leiblicher Vetter, aber er ist uns beiden zu ähnlich. Seine Nase steckt zu oft in Romanen und über Rätseln, die kein Geld bringen. Ich kann ihn als Schwiegersohn nicht brauchen.“

Die Reisegruppe saß auf und verschwand auf der alten Römerstraße gen Westen. Enki blieb zurück, in seinen Händen die Übersetzung. Nun endlich würde er erfahren, was es mit dem Monsterkeiler auf sich hatte, der auf seinem Land sein Unwesen trieb, ob tatsächlich ein Hexenmeister hinter ihrer Erschaffung steckte und wieso die Schriftrollen mit dem Siegel seines Hauses Bachental verschlossen worden waren.

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mo 3. Feb 2014, 16:55

Nach all der Mühe und den wilden Spekulationen erwies sich die Wahrheit über „das Schwein des Hal von Wien“ ernüchternd. Einen Mann diesen Namens hatte es tatsächlich gegeben. Der Verfasser der Schriftrollen nannte Hal einen Naturkundigen, auf dessen Werke er sich stützte. Doch es war kein Zauberwerk gewesen, das er betrieben hatte, sondern schlicht und einfach Auslesezucht, bei der die größten und borstenreichsten Schweine miteinander verpaart wurden. Ein guter Schuss Wildschweinblut musste sich wohl ebenfalls in der Rasse befinden, was sie neben Fleischlieferanten auch zu guten Wachtieren machte. Enki lachte nicht über diese Erkenntnis. Er hatte vor vielen Jahren gelesen, dass die alten Herrscher im fernen Osten sich Wildschweinen bedient hatten, um die Tore ihrer Städte zu beschützen.
Doch die Bewohner des Ortes, der sich hier befunden hatte, wo heute Mühlingen neu aufgebaut wurde, waren alles andere als abgeklärt gewesen. Sie hatten den Schweinezüchter der Schwarzkunst bezichtigt, ihn beschimpft, bespuckt und angeschwärzt, bis dieser es nicht mehr ausgehalten hatte. Der Mann trieb seine Schweine in den Wald und verlies die Gegend zusammen mit seiner Familie.
Die „Hal o´Wien Schweine“ trieben noch immer ihr „Unwesen“ im Mühlinger Forst, doch da sie scheu, hochintelligent und nicht zahlreich waren, bekam sie nur selten einmal ein Mensch zu Gesicht.
Was aus den vertriebenen Menschen geworden war, war leicht zu erraten: Sie hatten das Geschlecht derer von Bachental gegründet. Irgendwann einmal musste einer der Bachentals an den Ort zurückgekommen sein, an dem alles begonnen hatte. Wirklich nur, um die Schriftrolle mit der Familienchronik dort zu verstecken? Oder war da noch mehr?
Enki schob die Blätter beiseite und gähnte. So neugierig er auf deren Inhalt auch war, mit der zweiten Schriftrolle würde er sich erst am nächsten Morgen beschäftigen.

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Di 4. Feb 2014, 13:47

„Also DAS klingt nun wirklich wie Hexenwerk!“ entfuhr es Enki, als er die Übersetzung der zweiten Schriftrolle überflog. Es handelte sich um ein Rezept. Haferflocken wurden verwendet, Äpfel, Milch und kleine Mengen von Zutaten, für die es nur lateinische Namen gab. Enki fragte ein wenig im Dorf herum: Bei seinem buckelnden Gastwirt, der Köchin, Müller Franzens Familie, in der Brennerei und bei den erfinderischen Gebrüdern, die die Werkstatt betrieben und sich mit Leim, Lack und dergleichen auskannten. Keinem der Befragten offenbarte der Spielmann das Gesamtbild, doch er merkte sich gut, was jeder von ihnen sagte. Am Ende fand Enki bestätigt, was er bereits vermutet hatte: In seinem Besitz befand sich nun das Rezept für ein hochwirksames Kraftfutter für jegliches Hofgetier, das mit Gold aufgewogen werden musste.
Oder besser gesagt: Im Besitz des Bachentaler Geschlechts. Was der Graf wohl damit anfangen mochte? Am Ende das Dokument in einer Truhe verschließen und eifersüchtig hüten, aus Furcht, ebenfalls als Hexer angeklagt zu werden? Man konnte gar nicht vorsichtig genug sein in diesen Zeiten. Das war nicht mehr das Mittelalter mit seinem Nebeneinander aus alter Christentum und alter Religion. Bereits das war von Konflikt geprägt gewesen, doch heutzutage ging es bereits nicht mehr um Christen gegen Heiden, sondern die Menschen schlugen sich beinahe die Köpfe über die Frage ein, wie denn der Herrgott nun korrekt zu verehren sei. Es stimmte wohl, was die Gelehrten darüber sagten, dass die Menschen nicht in der Lage seien, ohne ein Feindbild zu existieren: War ein Gegner beseitigt, schaffte man sich einen neuen im eigenen Reich.
Doch im Grunde konnte das Enki egal sein. Er kopierte einfach das Rezept und übersandte die Originale mit der nächsten Postkutsche nach Bachental.

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mo 10. Feb 2014, 14:58

Weihnachten hielt eine tiefe Schneedecke die Mühlinger in ihren Häusern gefangen. Konnte man einmal vor die Tür treten, so kam es den Menschen vor, wie ein Wiedersehen mit lange verschollenen Familienmitgleidern. Die Winter der vergangenen Jahre waren milder gewesen, daher hatten sich die Menschen an den neuen Zustand gewöhnt. Sie hatten völlig vergessen, wie hart die Winter in ihrer Kindheit gewesen waren und die warme-kalte Jahreszeit der Gegenwart als normal betrachtet. Nun belehrte die Natur sie eines Besseren.

Ottmar ging wieder im Bauernhaus umher, zuerst zwischen Bett und Stuhl, dann im Obergeschoss und zum Jahreswechsel kam er hinunter in die Stube. Der Mann warf nicht plötzlich seine Krücken fort, sang und tanzte stundenland wie früher, wie man es vielleicht von einer Wunderheilung erwartet hätte, aber er lebte und darin bestand bereits das Wunter.
Roswita strahlte vor Glück wie in den ersten Wochen ihrer Lebensgemeinschaft. So lange das Glück anhielt, wollte sie es weder hinterfragen noch in irgendeiner Weise aufs Spiel setzen.
Mit der Zeit würde sie wider lernen, ihren Mann nicht wie ein rohes Ei zu behandeln und auch mal wieder zu streiten. Bis dahin war es ein Dauerkuscheln, das Enki zu so manchem Spottlied inspirierte, welcher er sich aber jedesmal versagte, tatsächlich zu dichten.
Gegen Ende des Jänner wurde die Schneesituation einigermaßen erträglich und als kurz vor Lichtmess Enkis Wiegenfest nagte, kam sogar schon wieder eine Kutsche durch.

„Sicher mit Geschenken für sich beladen“, meinte Ottmar schmunzelnd. „Du bekommst ja doch immer alles, was du dir wünschst.“
„Stimmt. Deswegen bist du ja auch noch hier“, erwiderte der Jüngere.
„Hm.“ Ottmar musterte den Spielmann/Edelmann eindringlich. „Du hast mir gerade nicht widersprochen… Dabei dachte ich, du würdest protestieren, weil du doch Anke haben wolltest, sie aber nun den Herrn geehelicht hat.“
„Ja, das hast du ganz richtig gesagt, Ottmar. Ich wollte sie haben. Während ich umhergezogen bin, habe ich sie nicht vermisst, nur als ich heimkehrte und sie wiedersah, hat es mir den Kopf verdreht. Und auch andere Teile. Aber hätte ich ihr treu sein können und sie so lieben, wie sie mich die ganze Zeit über geliebt hat? Wie sie es verdient hätte? Zweifelhaft.“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Sa 22. Feb 2014, 16:29

Die Postkutsche kam zum stehen. Die Pferd stießen ihre verbrauchte Atemluft in langen Schwaden aus, so dass es aussah, als spieen sie Dampf und das Feuer käme gleich hinterher.
Steifbeinig, ihre Körper in Decken oder Mäntel gehüllt, entstiegen die Passagiere der Kutsche: Handelsagenten, Unterhändler, Kleriker und was dergleichen noch keine Wahl hatte, als bei dieser Witterung unterwegs zu sein. Als letzter erschien ein Bote, dessen Rock das Wappenbild des Hauses Bachental zeigte. Begleitet wurde der Mann von zwei kräftigen Gesellen, Waffenknechten seines Herren. Einer hatte auf dem Dach der Kutsche gewacht, der andere auf dem Tritbrett. Der Kutscher drückte jedem einzelnen die Hand. „Seid noch einmal bedankt!“ erklärte er. „Ich weiß ja, dass ihr nicht unseretwegen dabei wart, aber wir haben uns sicherer gefühlt.“
Hernach wurde eine Truhe abgeladen. Sie bestand aus gutem Eichenholz, war lackiert und überdies mit Jagdmotiven bemalt, die Enki außerordentlich gefielen. „Ein Geschenk Eures Vaters anlässlich Eures Wiegenfestes“, erklärte der Bote. „Füllt diese Truhe reichlich mit Steuergeldern.“
Enki sprach einige Worte des Dankes, bevor er das Geschenk ins Bauernhaus tragen lies. Die Männer gaben ihr Bestes, doch es ließ sich nicht verbergen, dass sie Truhe so ganz leer nicht sein konnte…

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mo 24. Feb 2014, 16:24

Mit den Worten „Wie man hört, hat Euch Euer alter Herr ein großzügiges Geschenk gemacht“, wandte sich der Mühlinger Schankwirt am darauffolgenden Tag an den Dorfherren. „Feistus“ nannten die Bauern den jüngst Zugezogenen aufgrund seiner Leibesfülle und der Mann trug diesen Namen mit Stolz. Sein Bier war gut, das durfte ruhig jeder sehen!
„Nun, Diamanten aus den Minen von Ofir sind es schon einmal nicht!“ entgegnete Enki. Feistus lachte! „Stimmt, die wären um einiges leichter gewesen. Es sind Goldbarren, nicht wahr?“
„Auch nicht ganz. Vater weiß, wie sehr mir unsere kleine Zimmerei am Herzen liegt. Die und das Sägewerk waren immerhin die ersten echten Handwerksgebäude, die wir nach der Gründung hier angesiedelt haben. Daher hat er mir gute Werkzeuge geschickt…“
„Ja, das ist eine gute Geschichte für die Dörfler“, meinte der Wirt. Beinahe hätte er Enki verschwörerisch auf die Schulter geklopft, doch das hätte sich ja nicht geschickt. „Dann können wir ja den Keller erweitern, entwässern und mit Mauerwerk befestigen…“
„So tief geht dein Keller, dass du dich wegen des Grundwassers sorgen musst?“ Enki runzelte die Stirn.
„Nein, natürlich nicht! Aber der unseres Lagerhauses. Den meinte ich.“
Enki registrierte einige „Wir“s und „Unser“s zu viel in der Rede des Mannes. „Was geht dich mein Lagerhaus an?“ schnarrte er daher ungehalten.
„Nun… nichts… ich dachte nur… dass es offensichtlich sei… Ist das denn nicht, was Ihr plant? Mit einem größeren Keller gewännen wir mehr Stauraum. Wir könnten mehr Waren zurückhalten, anstatt sie in den Marktständen zu verschleudern. Diese Vorräte verkaufen wir an besonders gute Kunden: Edelleute, Kleriker und dergleichen. Die haben zwar oft weniger Geld als ein Kaufmann, vergelten uns die Hilfe aber mit Gefallen und ihrem Einfluss bei ihresgleichen. – Habt Ihr nicht neulich genau aus diesem Grund dem knausrigen Fahrenden Händler eine Lieferung bereiten lassen?“
„Ich wollte, dass die Menschen in Bamberg nicht hungern müssen“ lag Enki auf der Zunge, doch es zahlte sich nicht aus, jedesmal die Wahrheit zu sagen. Ich bin eben nur ein Spielmann, der Worte nutzt, um die Wahrheit zu verdrehen, ohne direkt lügen zu müssen, kein redlicher Mensch, dachte Enki bei sich. Dem Feistus erklärte er: „Man darf das nicht zu oft tun, sonst verlassen sich die Leute darauf. Sie könnten auf die Idee verfallen uns auszunutzen.“
„Oh! Daran habe ich überhaupt nicht gedacht!“ Enki grinste. Beinahe schien es ihm, als könne er eine Kerze über dem Schädel des Wirts aufsteigen sehen, als diesem ein Licht aufging. „Ja, das ergibt Sinn, Ihr seid wahrlich gewitzt, Herr von Bachental!“

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 26. Feb 2014, 00:05

„Es befanden sich Werkzeuge in der Truhe“ – Enki gefiel diese Idee, die er als Ausrede benutzt hatte, um nicht zugeben zu müssen, dass der Inhalt tatsächlich aus aus einer ansehnlichen Menge Goldbarren bestand. Es handelte sich um seinen Anteil an dem Gewinn aus dem Verkauf des Kraftfutters. Lediglich eine kleine Menge davon hatte der alte Bachentaler herstellen lassen, denn so ganz geheuer war ihm sie Angelegenheit nicht.
Enki, Ottmar, Roswitha und die Zimmerleute mit ihren Familien einschließlich der Lehrlinge verbrachten den Rest des Winters damit, Pläne bezüglich der neuen Zimmerei zu schmieden. Auf kleinerem Raum als bisher sollte sie in der Lage sein, deutlich mehr Waren in derselben Zeit zu produzieren. Die Böttcherei und die Möbelherstellung sollten außerdem von nun an unter einem Dach stattfinden. Den auf diese Weise gewonnenen Platz wollten die Mühlinger nutzen, um mehr Obstbäume zu pflanzen. Obwohl Ottmar nicht glaubte, es noch mitzuerleben, wie diese Früchte trügen, war er Feuer und Flamme von Enkis Plänen. „Weißt du noch, wie ich dir genau das vorgeschlagen hatte, als wir uns hier ganz neu niedergelassen hatten?“ fragte er Enki. „Aber du hast gesagt, wir könnten uns keine weitere Erweiterung der Zimmerei leisten.“
Der Spielmann nickte. „All die Jahre“, erklärte er traurig, „haben wir hart gearbeitet, ohne auch nur ansatzweise in die Nähe solcher Summen zu kommen. Aber mit einem Mal spuckt der Boden einen Schatz aus und – puff – ist es möglich. So sollte die Welt nicht funktionieren!“
Roswitha schlug die Hände vor den Mund. „Enki! Beschrei es nicht! Sei dankbar für die uns zuteil werdende Gnade, sonst nimmt der Herr sie wieder von uns!“
„Hier…“ Enki klopfte dreimal auf den Holztisch. „Besser?“
„Ja, etwas.“
„Na also.“ Der Spielmann fuhr fort, das neue Mühlingen zu beschreiben, das er aufbauen wollte. Noch vor der Erweiterung der Zimmerei wollte er einen Imker ansiedeln, dessen Bienen die neuen Obstbäume bestäuben sollten.

Gast

Re: Die Dorfchronik von Mühlingen

Beitrag von Gast » Mi 30. Apr 2014, 03:21

Kaum hatte der Frühling endgültig Einzug gehalten, legten sich die Mühlinger erneut ins Zeug, ihr Dorf wieder aufzubauen. Größer und schöner als zuvor sollte es werden, da waren sich alle einig. Auch schienen sie über genügend Schaffenskraft zu verfügen, ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen. Enki befürchtete, seine Untertanen würden nicht eher ruhen, als das sie eine vollständige Stadt aus dem Boden gestampft hatten.
Mehrfach wurde der neue Freiherr befragt, wie er sich denn seine Residenz vorstelle, wo er sich ja nun im Dorf niederzulassen gedachte. Enkis Antwort kam wenig überzeugt und unverbindlich: „Egal… ist mir egal. Nein, wirklich, ich habe keine besonderen Ansprüche. Stellt einfach hin, was gut in die Landschaft passt. Meinetwegen ein Hansekontor.“
Wie Enki eines Tages Mühlingen verlies, um in Bamberg ein Pärchen Zackelschafe von einem Viehhändler zu erwerben, begannen die Mühlinger mit dem Bau der Residenz für ihren Herrn – und zwar ganz im Stil der alten Hansegebäude. Und das, obwohl es doch weit und breit keine größere Wasserfläche als den Forellenteich gab!
„Oh, das wird sich ändern“, bemerkte Ottmar auf eine entsprechende Bemerkung des Spielmanns hin. „Dein Vater wünscht nämlich einen Kanal anzulegen, der das hiesige Land bewässern soll.“
„Derartige Bewässerungskanäle haben das Zweistromland unfruchtbar gemacht“, murrte Enki.
„Das was?“
Enki zuckte die Achseln. „Weiß ich selbst nicht genau. Irgendwo im Paradies.“
„Im Paradies hatte es aber keine Landwirtschaft!“
„Naja, nach dem Kanalbaumist war´s ja auch kein Paradies mehr.“
Ottmar lachte herzlich. „Haben der Herr sonst noch etwas zu bemäkeln, um ja nicht zugeben zu müssen, wie gut ihm sein neues Haus gefällt?“ erkundigte er sich grinsend.
Ertappt zuckte der Spielmann zusammen. Für die Seefahrt hatte er sich schon immer begeistert, auch wenn seine diesbezüglichen Erfahrungen sich das Mitfahren auf Flusskähnen sowie die eine oder andere Angeltour auf einem Fischerboot auf den Waldseeheimer Teichen beschränkten.
„Nun bedank dich schon bei den Leuten!“ drängte Ottmar. „Sie haben sich Mühe gegeben und die demnächst beginnende Kanalausschachtung wird an jedermanns Kräften zehren. Ein Fest wäre angebracht.“
Enki seufzte. „Es ist nicht die Art des Hauses, die mir misfällt“, gab er zu, „Die Residenz ist phantastisch... das bedeutet soviel wie verrückt, aber auf eine gute Weise. Gleichwohl, die Tatsache, an einen Ort gebunden zu sein, die schmeckt mir noch immer nicht." Enki wandte den Blick ab, um sein neues Haus nun bereits wohlwollender in Augenschein zu nehme. Wieviel Platz so ein eigenes Haus bot! Platz für Reiseandenken, für all die Schriftwerke, die mit dem Gold aus dem Verkauf der Bachentaler "Monsterschweine" erwerben würde und Gästezimmer für Reisende... besonders weibliche... denn um die musste man sich ja gut kümmern...
"Was soll' s!" nahm Enki seine Rede wieder auf. "Ich denke, ich kann zumindest froh sein, dass mein Herr Vater mich zwar anerkannt hat, aber aus dem gesellschaftlichen Leben fernhält. Soweit es Seinesgleichen angeht, hat der Graf von Bachental weiterhin nur zwei Kinder. Aber diese Wette gehe ich jederzeit ein: Sobald es etwas Gefährliches oder nicht ganz so Astreines zu erledigen gibt, wird er sich meiner erinnern.“
Ottmar nickte bedächtig. „Gut, gut“, meinte er. „Ein neues Abenteuer wird deine Laune sichtlich anheben.“
Ottmar sagte das so dahin, wie man es eben in aller Unschuld tat. Der arme Vogt konnte ja nicht ahnen, welches Abenteuer auf seinen Freund zukommen würde…

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